(Um-)Wege

"Wie wird man eigentlich Autorin?", werde ich häufig auf Lesungen gefragt. "Erzähl mal! Wie war das bei dir?" Und: "Was hast du gemacht, bevor du angefangen hast, Bücher zu schreiben?"

"Tjaaaa", antworte ich. Und werde rot.

Die Kurzversion der Geschichte lautet: Als Kind lernte ich alle Buchstaben, begann zu schreiben und habe nie wieder aufgehört. Davon zeugen zahlreiche Dokumente, handschriftlich und getippt, auf Löschblättern, in Kladden, auf ausgerissenen Heftseiten und Zeichenblockrückseiten. Hochdramatische Heldenepen wie das über den schriffbrüchigen Jungen mit dem bescheidenen Namen "Gohliat" finden sich da, altertümliche Märchen mit collagenartigen modernen Einschüben, pathetische Gedichte und Quatschverse, emanzipatorische Mädchen-Songtexte, handcolorierte Comicstrips, schmachtende Tagebucheinträge, Berge von Briefen, auf Kassette gesprochene Hörspiele und alles mögliche andere, was ich an zahlreichen Regentagen in meinem Kinderzimmer fabrizierte.

Die längere Version ergibt sich aus der Frage: "Und dann?" Denn und dann ... wird es kompliziert. Neben dem Schreiben habe ich mich nämlich immer für tausendundeine andere Sache begeistert, und obgleich mir klar war, dass ich "später irgendwie mal Bücher machen möchte", bin ich nicht unbedingt, öhm, gradlinig Schriftstellerin geworden. Aber - zu meiner eigenen Beruhigung gesprochen: Was haben gerade Wege auch mit Literatur zu tun?

Erstmal gibt es da meine Geige, die ich immer sehr gerne gestreichelt habe.

Es gibt wissenschaftliche und philosophische Fragen, die mich beschäftigen.

Und es gibt das volle Leben, das die merkwürdige Eigenschaft hat, die Dinge anders kommen zu lassen, als sie geplant waren.

Einmal kräftig durchgemixt, kam bei mir ein ziemliches Kuddelmuddel heraus, angefangen mit einer bestandenen Aufnahmeprüfung an der Folkwang-Hochschule und dem Beginn eines Violinstudiums. In Folge marathonartiges Geigenspiel, mein geheimes Notizbuch aber immer parat. Schreiben in der Übezelle und im Seminarraum, in der Studentenbude und auf Musikreisen. Dann die ersten Zweifel ("Geigerin, ich?"), die mich anfangs noch sehr überraschten und auch beunruhigten. Dann die zweiten und dritten, die ich mit neugierigem Erstaunen zur Kenntnis nahm. Und schließlich ein Urlaubssemester, das ich der heißen Liebe wegen in Berlin verbrachte und in dem ich "fremdstudierte" - nämlich Psychologie. Jaja, die Fragen ...

Und damit ein Wechsel, denn das Zurück schied für mich ziemlich bald aus. Also Psychologie. Berlin. Und wieder Notizbücher. Dazu mein allererster Computer, der mit Texten aller Art gefüttert werden wollte. Und immer wieder das Irgendwann-will-ich-mal. Bis ich mit leiser Panik feststellte, dass ich auf einen wissenschaftlichen Werdegang zusteuerte. ("Forscherin, ich?") Bezeichnenderweise war meine allererste Publikation - als bescheidene Co-Autorin - eine wissenschaftliche! Was würde da wohl jemals aus den Büchern werden? Und war ein Leben nicht viel zu schade für die Wissenschaft?

Aber auch diesmal hat der Gang der Dinge etwas anderes für mich auf Lager gehabt. Etwas phänomenal Unglaubliches. Denn manchmal prasselt von einer Sekunde auf die andere eine wundersame Glücksfontäne auf uns nieder. Ihr erinnert Euch an die heiße Liebe? Nun, mein Freund und ich waren schwanger. Richtig und echt und wirklich. Und kaum war unser Baby da, verschlug es uns von Berlin an den Puls der Welt, also nach - Hannover ... Wo sich prompt Baby Nummer zwei zu uns gesellte.

Und damit war dann das letzte Steinchen auf dem Weg zum Bücherschreiben gelegt. Denn worüber soll man in Geschichten erzählen, wenn nicht über all unsere Irrungen und Wirrungen, über die Höhenflüge und Zweifel, die Überraschungen und Wendungen, die Zufälle und das, was schon immer da war und nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hat?